Ein leichtfüßiger Reisender, Víctor Bermúdez

Von Dr. Verena Sauer,

Germanistisches Seminar, CAU zu KielJuli 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Sinje John

  1. Wer sind Sie und was tun Sie?

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    Romanisches Seminar, 2018

Mein Name ist Víctor Bermúdez und ich bin eine Person, die sich der Literatur zuwendet. Das bedeutet im Grunde genommen, dass ich Literatur unterrichte, studiere, verlege, übersetzte und schreibe. Ich arbeite als Postdoc an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo ich alles Erdenkliche mit der Literatur verbünde mache. Das macht mir viel Spaß. Trotzdem muss ich sagen, dass Literatur viel Zeit in Anspruch nimmt und dass Kreativität etwas ist, das auch viel Disziplin erfordert. Etwas, das in manchen Augen etwas paradox wirken mag ist, dass man bevor man überhaupt versuchen kann die Regeln der Literatur aufzubrechen, sich viel Wissen über die Natur der Literatur aneignen muss. Um Literatur schaffen, studieren, verlegen, übersetzen und unterrichten zu können, verlangt es sowohl Geduld, als auch eine Einstellung, die es einem ermöglicht, Grenzen zu überschreiten. Mein wissenschaftlicher Hintergrund ist die Theoretische und Vergleichende Literaturwissenschaft, was (im Wesentlichen) heißt, dass mich das Denken hinter der Literatur interessiert und wie sie mit anderen wissenschaftlichen Gebieten, wie Naturwissenschaft, Philosophie und Kunst, in Beziehung steht. Ich halte sehr viel von inter- und transdisziplinären Herangehensweisen und bin außerdem wirklich neugierig zu erfahren, wie mein Gebiet mit anderen Fachgebieten verknüpft ist und wie es aus der Perspektive der anderen Disziplinen gesehen wird. Das Zusammenarbeiten mit anderen wissenschaftlichen Feldern schafft eine Art von Reichtum. Seit kurzem beschäftige ich mich damit, wie kreative Prozesse und Recherche zeitgleich funktionieren. Das soll heißen, dass das Forschungsprofil einer Person ihren kreativen Weg beeinflusst und anders herum. Ich glaube, dass das Zusammenwirken von den verschiedenen Hintergründen sowohl das künstlerische als auch das akademische Umfeld erfrischen kann.

  1. Was ist Ihre wichtigste Rolle im Leben?

Die wichtigste Rolle in meinem Leben ist es Gedichte zu schreiben. Es ist aber nichts, was ich freiwillig gewählt habe und um ehrlich zu sein, versuche ich es so gut wie möglich zu umgehen. Neben kreativen Projekten genieße ich meine akademische Karriere. Die Forschung ist wie eine Sucht: Wenn du dir einmal eine Frage gestellt hast, musst du diese auf kleinere Fragen herunter brechen, bevor du irgendetwas erreichen kannst. Auf deine ganz eigene Art und Weise passt du die verwendeten Methoden an, um dein Forschungsobjekt zu untersuchen. Unterrichten ist eine Herausforderung: Ich mag es, dass die Profile der Studenten/innen sehr heterogen sind. Gleichzeitig machen genau diese verschiedenen Interessensgebiete und -flüsse es manchmal schwierig, einen gemeinsamen Schwerpunkt zu finden. Ich versuche meinen Charakter in beide Aufgaben mit einfließen zu lassen. Wenn man also die wichtigste Rolle in meinem Leben anhand des Parameters Zeit bewerten würde, wäre diese sicherlich nicht das Schreiben von Gedichten, sondern etwas, das sich in der unmittelbaren Nähe der Poetik befindet. Rollen haben es an sich, dass sie dynamisch sind. Selbst innerhalb des Spektrums an Aufgaben, die man als Postdoc erfüllen muss, teilen wir unsere Zeit zwischen den Studentenberatungen, dem Vorbereiten für Forschungsprojekte, dem Organisieren von oder der Teilnahmen an Konferenzen, der Vorbereitung des Unterrichts und dem Studieren auf. Zusätzlich zu all dem kommt die unvermeidliche Aufgabe, Texte von anderen Autoren zu übersetzten und meine eigenen Zeilen zu Papier zu bringen. Ich vermute, dass mir das Hin- und Herspringen von Rolle zu Rolle gefällt.

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Gästehaus der Christian-Albrechts-Universität, 2018
  1. Wieso wurden Sie zu einem Forscher? Wieso haben Sie die Arbeit an einer Akademie gewählt?

Ich wurde zu einem Forscher, weil ich Forschungsfragen hatte. Außerdem denke ich, dass die Forschungsumgebung sehr stimulierend auf jemanden wirken kann, dem es gefällt, Leuten zuzuhören, die sich leidenschaftlich ihre eigenen Rätsel widmen. Es kommt dazu, dass Leute ihre ungeklärten Fragen und Strategien teilen, sodass das Wissen wachsen kann, sei es in Universitäten, unabhängigen Forschungszentren, Museen oder anderen kulturellen Institutionen, also in all den Gebieten, in denen der Ideenfluss bedeutend zu ihrer Funktion beiträgt. Eine Person, die fähig ist, in diesem Kontext und an diesen Dynamiken teilzunehmen, ist jemand, der sieht, wie eine Idee heranwächst und ein Ergebnis liefert, welches ohne spezifische Personen und deren Austausch gar nicht möglich wäre. Ich finde das wirklich cool!

  1. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Lesend, sprechend und schreibend. Neben dem Konsumieren und Produzieren von Papers und dem Vorbereiten meines Unterrichts, höre ich mir sehr gerne an, was die Studenten/innen zu sagen haben. Student/innen kommen mit einer Idee in mein Büro, wo wir diese Idee in kleinere Stücke zerlegen, ihr eine Form geben und in eine potenzielle Figurverwandeln. Dann ist es an den Studenten/innen dieser Figur das nötige Volumen und die nötige Textur zu geben und neben den Arbeitsstunden, die sie dafür investieren, auch noch ihren eigenen Charakter und ihr persönliches Temperament in das Produkt einfließen zu lassen. Wenn du einmal ein Thema findest, das dir wirklich gefällt, wird es/kann es deiner eigenen Persönlichkeit erweitern. Wenn man das Schreiben einer Hausarbeit oder Bachelorarbeit wirklich ernst nimmt, ist dies eine gute Möglichkeit, sich in das Thema und in sich selbst zu vertiefen. Mir gefällt es sehr, diesen Prozess zu beobachten und den Studenten zu helfen, ihrer Intuition eine Form zu verleihen. Bis es dazu kommt, braucht es allerdings viele E-Mails.

  1. Was ist das Beste daran ein Postdoc Forscherzu sein? Und was ist das Schlimmste ?

IMG_2801In Verbindung mit Ideen zu stehen ist ein Privileg: weise Ideen, verrückte Ideen, ernsthafte Ideen, absurde Ideen. Alles, was zwischen dem kultivierten bis hin zum unverbrauchten Geist existiert.Intuition ist von großer Bedeutung und die Forschung, egal in welchem Gebiet, ist voll davon. Und weil Forschung etwas ist, das man sowohl allein an seinem Schreibtisch als auch in Gemeinschaft mit Leuten, die potenziell über die ganze Welt verteilt sein könnten, praktizieren kann, ist der korrelierende interkulturelle Kontakt oft sehr bereichernd. Man steht also im Kontakt zu vielen Ideen, die von vielen verschiedenen Geistern kommen. Das ist wunderbar. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt. Neben den vielen administrativen Aufgaben, denen ich mich stellen muss, ist das Schlimmste daran Forscher zu sein, dass man unter ständigen Zeitdruck steht. In der Forschung pendelt die Zeitskala zwischen dem schwindelerregenden Rhythmus der Abgabefristen von wissenschaftlichen Artikeln und der langen Zeit, die es benötigt, sich Wissen anzueignen. Eine meiner größten Herausforderungen ist es, die Balance zu finden, die es mir ermöglicht, zur selben Zeit zu gehen und zu rennen.

  1. Stellen Sie sich vor: Was würden Sie gerne Ihren Gästen an Ihrem fünfzigsten Geburtstag erzählen? Wo sehen Sie sich in zwanzig Jahren?

Ich sehe mich in einer Position, in der ich Spaß haben kann. Wenn möglich, an einem Ort in der Nähe des Meeres, umgeben von Kakteen und mit Wein.

  1. Welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der seinen Ph.D. beginnt? Welcher Ratschlag hätte Ihnen möglicherweise geholfen?

Benutze deine Vorstellungskraft. Benutze sie viel oft. Verstehe die Taxonomie, um sie danach zu durchbrechen, aber auf eine weise Art und Weise. Lasse keine Schritte aus: Methoden existieren aus einem Grund. Das Gute an ihnen ist, dass du ihnen selbst eine Form geben kannst. Also baue sie um, aber nur dann, wenn es nötig ist. Sei geduldig mit dem Wissen (und auch mit dir selbst und anderen). Die meisten Dinge, die von Bedeutung sind, wachsen langsam. Es gibt Momente, in denen man intensiv vorrankommt und Momente, in denen man mit dem Gefühl klarkommen muss, nicht das kleinste Bisschen zu erreichen. Oh, und sei auf viele Fehler vorbereitet. Versuche nicht, Misserfolge zu verhindern: Der Misserfolg kann mit der Zeit dein Freund werden, deshalb verabrede dich ab und an mal mit ihm zum Kaffee. Schätze außerdem das, was du tust, ohne jedoch zu übertreiben. Lerne von denen, die du bewunderst. Manchmal ist es nützlich, eine Rede über dein Thema zu erstellen, auch wenn es nur in Teilen ist. Sei darauf vorbereitet, über dein Thema sechs Stunden, zwanzig Minuten oder sechzig Sekunden zu reden, aber nur dann, wenn dich jemand danach fragt. Dann werden sich die Leute bedanken. Hab außerdem Spaß an deinem Thema: Wir können die Freude in den Augen des Forschers sehen und das ist es, was wir wollen.

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Café Sonntagskind
  1. Die letzten Worte: Sagen Sie den Lesern jetzt, was gesagt werden muss! Erzählen Sie mir irgendetwas, das Ihnen durch den Kopf geht.

Ich mag es, von Ort zu Ort zu springen. Ich glaube, es ist eine gute Einstellung für Forscher/innen, um sich zu entwickeln. Vor neun Monaten bin ich nach Deutschland gezogen, was bedeutet, dass ein Großteil meiner Energie darauf verwendet wird, meinen Anpassungsprozess zu laden, als sei es eine sehr lange Softwareinstallation. Gebürtig bin ich aus dem Norden Mexikos, aus einem sehr speziellem Teil der Wüste mit dem Namen Mexicali. Aber ich habe die letzten zwölf Jahre in Spanien gelebt, erst in Salamanca, einer Stadt aus Bernstein und dann in San Sebastián, wo ich das Windsurfen gelernt habe. Zwischenzeitlich lebte ich außerdem in Paris und Montreal, wo ich mich bereits an das graue Wetter gewöhnen konnte. Jetzt bin ich in Kiel, wo ich immer noch damit beschäftigt bin, mich an den lokalen Humor zu gewöhnen. Was meinen Fortschritt diesbezüglich angeht, bin ich jedoch optimistisch. Ich bin der festen Überzeugung, dass das Umherziehen und das Lernen von verschiedenen Personen und an anderen Orten die Forschung bereichert. Außerdem eignest du dir dadurch Wissen an und erlangst Menschenkenntnisse. Ich denke also, dass ich ein leichtfüßiger Reisender bin.

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